Fluchtgeschichten - Norman Tebbett
© by Patrick Schlenker 2026
Norman Tebbett wurde 1920 in Nottingham geboren. Er ging zur Schule, war bei den Pfadfindern und stand früh im Arbeitsleben. Zuerst machte er Botengänge in einem Laden, später arbeitete er in der Textilbranche in der Färberei und beim Bleichen.
Im Februar 1937 trat er in Nottingham der Territorial Army bei und wurde bei der Royal Artillery ausgebildet. Dabei lernte er das Handwerk im Drill Hall an der Derby Road, zuerst als Signaller, dann als Gunner.
Gefangenschaft 1942
Im Juni 1942 war Tebbett in Nordafrika im Raum Tobruk im Einsatz, zeitweise auf abgesetztem Beobachtungsposten. Bei einem solchen Einsatz erkannte er eine Kolone herannahende deutsche Fahrzeuge viel zu spät und geriet kurze Zeit danach in Gefangenschaft.
Zuerst war Tebbett in einem Lager in der Nähe von Tobruk. Anschliessend wurde er in ein italienisches Lager bei Suani Ben Adem verlegt. Später folgte der Transport nach Italien. Er kam über einen Transit bei Capua nach Neapel und schliesslich in das Kriegsgefangenenlager PG 53 bei Sforza Costa nahe Macerata.
Im Lager waren die Tage lang. Wer fliehen wollte, brauchte nicht nur Mut, sondern eine Gelegenheit. Eine solche Gelegenheit hiess Arbeit ausserhalb des Lagers. Das Lager PG53 war auf dem Gelände einer umfunktionierten Fabrikanlage untergebracht. Vor allem britische, australische und neuseeländische Kriegsgefangene wurden in den Hallen gefangengehalten. .
Arbeitskommando bei Novara
Im Frühjahr 1943 entschied er sich deshalb für die Farmarbeit. Im zugeteilten Arbeitskommando bei Torre Quattara nahe Novara arbeitete er bis in den September hinein. Es blieb Gefangenschaft, aber unter anderen Bedingungen. Weg von der Einoede des Lageralltags und dem schlechten Essen. Auf den Höfen kam man eher an Nahrung. Manchmal sogar an zusätzliche Lebensmittel.
Der Waffenstillstand vom 8. August 1943 riss ein Loch in die Ordnung, mit der die italienischen Wachen solche Arbeitskommandos zusammenhielten. Viele Soldaten wussten plötzlich nicht mehr, was ihr Auftrag war. Viele wollten vor allem eines. Sofort nach Hause. Gleichzeitig war allen klar, dass deutsche Truppen nicht lange auf sich warten lassen würden.
Tebbett und die anderen Gefangenen entschieden sich rasch. Sie entwaffneten die italienischen Wachen. Kein Schuss fiel. Es gab keine Prügelei. Nur einen kurzen, entschlossenen Zugriff.
Untertauchen zwischen Höfen und Dörfern
Die Gruppe blieb zunächst in der Gegend und hielt sich auf einem Bauernhof auf, wo sie arbeiten konnte, ohne aufzufallen. Ihr Ziel war es, Zeit zu gewinnen, bevor deutsche Patrouillen das Lager und die Umgebung sichern konnten. Tebbett erhielt Hilfe von italienischen Bauern, die Nahrung gaben und Hinweise, wie man sich bewegen musste, um nicht sofort aufzufliegen.
Sie vermieden es, tagsüber offen unterwegs zu sein. Jede Ortschaft war ein Risiko, weil dort die Wahrscheinlichkeit einer Kontrolle am grössten war. In einem Dorf wurden sie fast wieder gefasst, als eine deutsche Patrouille so nahe kam, dass es nur noch um Sekunden ging. Sie entkamen, aber der Schreck blieb, weil er zeigte, wie schnell eine Flucht wieder in Gefangenschaft enden konnte.
In diesen Tagen war Essen nie nur Essen. Ein Stück Brot war auch ein Zeichen, dass jemand bereit war, ein eigenes Risiko einzugehen. Und ein Hinweis auf einen Weg war manchmal mehr wert als jede Karte.
Der Weg in die Berge
Irgendwann reichte das Verstecken im Flachland nicht mehr. Mit jedem Tag wurden die deutschen Kontrollen dichter, und die Fluchtwege wurden enger. Der Ausweg führte Richtung Alpen.
Ein italienischer Führer schloss sich ihnen an. Er kannte das Gelände und brachte die Gruppe über schwieriges Gebirgsterrain zur Schweizer Grenze. Das war kein bequemer Übergang. In solchem Gelände geht man nicht einfach los und läuft durch. Man muss ständig entscheiden. Man wählt jeden Tritt, jeden Hang, jeden Moment. Man bleibt dort, wo man nicht gesehen wird, und nimmt Umwege in Kauf, weil der direkte Weg oft der gefährlichste ist.
Grenzübertritt und Ankunft in der Schweiz
Nach dem Grenzübertritt folgte der Abstieg auf Schweizer Seite. Auch wenn die Grenze überschritten war, verschwunden war dieses Gefühl nicht sofort. Der Empfang de Schweizer Soldaten war geordnet. Es war nicht mehr das hektische Abtauchen von Hof zu Hof, sondern ein geregeltes Aufnehmen, Abklären, Weiterführen. Für Tebbett bedeutete das Sicherheit, aber auch den Beginn einer neuen Form der Unfreiheit.
Internierung in Wald
Im November 1943 wurde er als Entkommener interniert und nach Wald gebracht. Dort galt er als evadee de guerre und lebte unter Bewachung und mit eingeschränkter Bewegungsfreiheit. Der Alltag war klar geregelt. Das zeigte sich in festen Abläufen, in Kontrollen und in deutlichen Grenzen dessen, was erlaubt war.
Gleichzeitig war das im Vergleich zur Flucht eine spürbare Entlastung. Er musste nicht mehr jede Bewegung verbergen. Er musste nicht mehr jeden Abend neu entscheiden, wo er am nächsten Tag überhaupt noch sein konnte. Er stand unter Aufsicht, war aber in Sicherheit. Es gab Kontakte zur Zivilbevölkerung, manchmal freundlich, manchmal vorsichtig. Später trafen britische Offiziere ein, die versuchten, mehr Ordnung in die Gruppe zu bringen und vieles strenger zu kontrollieren.
Im Mai 1944 wurde Tebbett nach Adelboden verlegt. Auch dort blieb er interniert, und auch dort blieb die Bewachung Realität. Aber der Ort setzte einen starken Kontrast. Adelboden bedeutete Berge, klare Luft und eine Unterbringung, die nicht nach Lager aussah. Er lebte in einem Hotel. Es gab einen Alltag, der stellenweise fast wie Ferien wirkte, und genau das machte die Situation für viele so widersprüchlich. Man konnte Skifahren und sich bewegen, aber immer innerhalb eines Rahmens, der von aussen festgelegt war.
Ausreise nach Frankreich
Im November 1944 endete sein Schweizer Kapitel. Als sich die Lage an der Grenze veränderte und eine Weiterreise möglich wurde, ging er nach Frankreich. Damit ging die Flucht, die im September 1943 auf einem Bauernhof bei Novara begonnen hatte, in den nächsten Abschnitt über.
