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Fluchtgeschichten - Lt. R. E. Brook-Fox & Lt. J. A. Goschen

© by Patrick Schlenker 2026

Am 17. Juli 1940, zwischen 19.00 und 19.30 Uhr, trafen zwei Männer in ziviler Kleidung im Dorf Lugnez ein und meldeten sich beim Maire. Sie waren durchnässt und schlecht gekleidet. Sie kamen kurz zuvor bei Courcelles über die Grenze und gelangten zu Fuss nach Lugnez. Der Büregermeister wies sie unverzüglich der zuständigen Stelle zu. Anschliessend erfolgte die Überführung nach Porrentruy ins Schloss.

In Porrentruy erhielten beide sofort eine Grundversorgung. Verpflegung, Gelegenheit zum Waschen sowie trockene Kleidung. Die Unterbringung erfolgte im Schloss, das zu diesem Zeitpunkt in grossem Umfang zur Unterbringung von Internierten diente. Für Offiziere galt tagsüber Bewegungsfreiheit in der Stadt bis 19.00 Uhr. Die Betten waren mit Matratzen und Decken ausgestattet, jedoch ohne Leintücher. In den ersten Tagen bestand Kontakt zur britischen Vertretung in Bern, gleichzeitig gingen aus Bern Rückfragen ein. Da beide nicht in Uniform, sondern als Zivilpersonen eintrafen, wurde der Vorgang zugleich als militärische und fremdenpolizeiliche Angelegenheit behandelt. Die praktische Durchführung erfolgte dennoch militärisch, mit formalisierter Befragung und anschliessender Verlegung in ein Internierungsdetachement.

Am 23. Juli 1940 fand im Schloss Pruntrut die formelle Einvernahme statt. Dabei wurden folgende Personalien erfasst: Lt. R. E. Brook-Fox, Jahrgang 1918, Berufsoffizier, Herkunft „Weletter, Tiverton-Devon“, Ausbildung an der Royal Military Academy Woolwich, Einheit 1st Regiment Royal Horse Artillery (1. R.H.A.), B/O Battery, zugeteilt zur 51. britischen Division. Lt. J. A. Goschen, Jahrgang 1918, Berufsoffizier, Herkunft Eastleach, Gloucester. Zudem wurde ein Hinweis auf den Generalrang des Vaters notiert. Einheit ebenfalls 1st Regiment Royal Horse Artillery, B/O Battery, 51. Division. Ausweispapiere lagen nicht vor, da diese im deutschen Gefangenenlager entzogen worden waren. Die Bestätigung als britische Offiziere erfolgte telefonisch über die britische Gesandtschaft in Bern. Damit war ihr Status endgültig geklärt und die weitere administrative Behandlung in den Ablauf der Internierung eingegliedert.

Zum Regiment wurden technische und organisatorische Angaben festgehalten. Das Regiment war vollständig motorisiert und setzte auch Raupenschlepper ein. Es führte 24 Geschütze. Als Kommandant wurde ein Oberst genannt, der Name blieb in der überlieferten Schreibweise nicht eindeutig. Bei den Geschützen handelte es sich um Haubitzen. Das Kaliber wurde mit „etwa 9,1 cm“ angegeben. Ergänzend wurde eine Einordnung „zwischen 7,5 und 10,5 cm“ geführt. Die Feuergeschwindigkeit lag bei 6 bis 7 Schuss pro Minute, das Geschossgewicht bei 25 Pfund. Zusätzlich wurde der Einsatz von Haubitzen mit 52-Pfund-Geschossen erwähnt, ohne Angabe des Kalibers. Diese Werte entsprechen dem Bild einer britischen Feldartillerieeinheit, die mit standardisierten Feldgeschützen arbeitete und für den beweglichen Einsatz auf Motorisierung angewiesen war, um rasch zwischen Stellungen zu wechseln, insbesondere in einer Phase schnell zusammenbrechender Frontabschnitte und improvisierter neuer Linien.

Einsatz in Frankreich

Der Einsatz in Frankreich begann im September 1939. In der frühen Phase erfolgte der Einsatz im Bereich der Maginot-Linie. Der Raum wurde einmal zwischen Metz und Thionville, an anderer Stelle zwischen Metz und Sedan verortet, was auf uneinheitliche Ortsangaben in der Überlieferung hinweist. Für den Zeitraum vom 20. April bis 25. Mai 1940 wurde eine vordere Stellung an der Maginot-Linie genannt, ohne genaue Ortskenntnis. Es kam zu Infanterieangriffen. Zudem wurden Flammenwerferangriffe erwähnt. In der Folge musste die Batterie ihre Stellung räumen. Damit zeigt sich ein Übergang von erwarteter statischer Verteidigung zu erzwungener Beweglichkeit. Feuerstellungen wurden aufgegeben, Verlegungen und Märsche erfolgten unter Zeitdruck.

Nach dem Räumen der bisherigen Stellungen folgte eine etwa viertägige Dislozierung, danach die Verlegung in den Raum Abbeville. In dieser Phase war die 51. Division vom Hauptteil der britischen Expeditionskräfte getrennt. Im Raum Abbeville erfolgten Kämpfe zusammen mit französischen Kräften. Zusätzlich findet sich die Formulierung, es sei auch „gemeinsam mit zwei kanadischen Divisionen“ gekämpft worden. Unabhängig von dieser Wortwahl bleibt als Ablauf bestehen. Einsatz als isolierter Verband, Kooperation mit französischen Einheiten und Operationen in einem umkämpften Abschnitt, in dem Brückenköpfe über die Somme zentral waren.

Bei Abbeville kam es zu einem Gegenangriff gegen einen deutschen Brückenkopf an der Somme, unter Mitwirkung französischer schwerer und mittlerer Panzerabteilungen sowie britischer leichter Panzer. Der Gegenangriff war zunächst erfolgreich. Der Gegner wurde um etwa 10 Meilen zurückgedrängt. In der Folge setzte ein weiterer britisch-französischer Gegenstoss an, brach jedoch unter starkem Artilleriefeuer und unter Luftangriffen (Stukas und Bomber) zusammen. Die Verluste lagen sehr hoch, in der Grössenordnung von 60 bis 70 Prozent des Effektivbestandes. Als Ursachen werden Munitionsmangel auf französischer Seite sowie das Ausbleiben zugesagter britischer Verstärkungen genannt. Das Ergebnis zeigt ein Muster aus anfänglichem lokalem Erfolg und anschliessender Überforderung durch Luftüberlegenheit, Artilleriedichte und Nachschubprobleme, verschärft durch Koordinationsdruck und ausbleibende Verstärkung.

Nach den Kämpfen an der Somme setzte sich der Rückzug in Richtung Kanalküste fort. Als Stationen werden Abbeville, danach Fécamp mit einem Aufenthalt von rund zehn Tagen, und anschliessend St Valéry-en-Caux genannt, wo der Rest des Regiments in Gefangenschaft geriet. Andere Überlieferungen verbinden den Rückzugsweg mit weiteren Zwischenräumen, unter anderem bis in den Raum Rouen bzw. an die Seine, und mit dem Umstand, dass deutsche Abteilungen Rückzugsachsen abschnitten. Insgesamt zeigte sich eine Lage, in der eine geordnete Absetzbewegung nur noch über See als möglich erschien. Häfen und Küstenorte dienten als Evakuationspunkte, während schnelle Vorstösse Strassenkreuzungen und Rückzugsrouten sperrten und dadurch Verbände vom Abfluss trennten. Bei St Valéry trafen die vorgesehenen Schiffe nicht ein. Daran schloss ein Fluchtversuch über das Meer an.

Lt. R. E. Brook-Fox & Lt. J. A. Goschen - Illustration © Patrick Schlenker 2026_2

Fluchtversuch in St. Valéry - Digitale Nachstellung (teilweise KI gestützt): Patrick Schlenker, 2026

Im Übergang von der Kapitulationslage zur Gefangenschaft kam es zu mehreren Fluchtversuchen. Vier britische Offiziere versuchten mit einem Boot aufs Meer zu gelangen. Nach etwa 400 Yards erfolgte Beschuss vom erhöhten Ufer aus. Ein Offizier wurde getötet, das Boot sank. Die übrigen schwammen ans Ufer zurück und wurden dort gefasst. Die Episode wird auch als Versuch mit einem „canoë canadien“ beschrieben. In beiden Fassungen stimmen die Kernelemente überein. Versuch über See, Beschuss von erhöhter Stellung, Tod eines Offiziers, Verlust des Bootes, Rückkehr schwimmend, anschliessende Festnahme.

Nach der erneuten Festnahme erfolgte der Transport per Lastwagen nach Forges-les-Eaux in ein Gefangenenlager. Für dieses Lager werden 3’000 bis 4’000 Gefangene genannt, darunter 1’000 bis 2’000 Engländer. Nach zwei Tagen gelang die Flucht. Danach erfolgte der Marsch zu Fuss bis Criel, mit dem Ziel eines erneuten Seewegs. In Küstennähe wurde rund 16 Tage nach einem geeigneten Boot gesucht. Ein Boot erwies sich als zu gross, ein anderes als zu schwach oder beschädigt. Der Seeversuch wurde aufgegeben. Der Ablauf zeigt eine improvisierte Flucht unter unsicheren Bedingungen. Bewegung zu Fuss über Nebenwege, längeres Verstecken und Abhängigkeit von zufällig auffindbaren Booten in einem kontrollierten Küstenraum mit Patrouillen und Beobachtung.

Nach dem gescheiterten zweiten Seeversuch erfolgte die Flucht über Land Richtung Boulogne. Bei Brexent kam es zu einer dritten Festnahme. Danach folgte der Transport nach Montreuil mit einem Aufenthalt von zwei Tagen und anschliessend die Überführung nach Lille in ein grosses, mit Stacheldraht umgebenes Gefangenenlager. Für Lille werden etwa 2’000 Gefangene genannt, darunter 30 Engländer. Diese Zahlen verdeutlichen die unterschiedliche Zusammensetzung der Lager entlang der Transport- und Sammelketten.

Aus Lille gelang die nächste Flucht. Danach wurden Zivilkleider beschafft, und es erfolgte der Weg nach Orchies. Dort bestand ein vier Tage dauernder Aufenthalt bei Bekannten. In Orchies wurden bessere Kleidung, gefälschte Identitätskarten und Fahrräder beschafft. Zudem lag Geld vor, um Fahrräder zu kaufen. Zur Frage Uniform und Zivil ist als Ablauf festgehalten. Bei den Festnahmen wurden Uniformen getragen, und auch die Fluchten erfolgten in Uniform. Erst unmittelbar nach der letzten Flucht wurden Zivilkleider angezogen. Zivilkleider waren teils bereits zuvor gesammelt worden. Kleidung stammte unter anderem von einem ebenfalls gefangenen englischen Adjutanten sowie aus verlassenem Gepäck am Strassenrand. Die Uniform wurde gemeinsam in einem Sack mitgeführt. Damit wird eine Fluchtpraxis sichtbar, in der Uniform als militärisches Identitätsmerkmal erhalten blieb. Zugleich wurde Zivilkleidung für unauffälliges Reisen notwendig und wurde erst dann prioritär, als es um das Durchkommen durch kontrollierte Räume ging.

Lt. R. E. Brook-Fox & Lt. J. A. Goschen - Illustration © Patrick Schlenker 2026_1

Digitale Nachstellung (teilweise KI gestützt): Patrick Schlenker, 2026

Die Fahrt mit Fahrrädern führte von Orchies über Cambrai und Wassigny nach Reims, Châlons-sur-Marne, Chaumont und Bar-le-Duc. Danach folgten Fays-Billot sowie der Raum Montbéliard und schliesslich Faverois oder Raverois, bevor Courcelles erreicht wurde. In Courcelles wurden die Fahrräder im Wald versteckt, und die Grenze wurde zu Fuss überschritten. In Lugnez erfolgte die Meldung beim Maire. Die Dauer dieser letzten Etappe wird mit dem Zeitraum vom 10. bis 17. Juli angegeben. Der erste Kontakt auf Schweizer Boden erfolgte am 17. Juli um 19.00 Uhr, unmittelbar gefolgt von der Zuweisung zur Mairie. Für das französische Grenzgebiet der Ajoie wird festgehalten, dass tagsüber nur wenig Truppen präsent waren und das Durchkommen ohne besondere Hindernisse möglich war. Dies weist auf eine Grenzregion hin, in der keine durchgehend dichte militärische Präsenz bestand und Bewegungen eher von lokalen Begegnungen und punktuellen Kontrollen abhingen als von einer lückenlosen Sperre.

Lt. R. E. Brook-Fox & Lt. J. A. Goschen - Illustration © Patrick Schlenker 2026_1

Digitale Nachstellung (teilweise KI gestützt): Patrick Schlenker, 2026

Unterwegs wurden mehrere Beobachtungen festgehalten. Flugplätze bei Forges-les-Eaux, im Raum Lille (Nordost) sowie ein weiterer Ort, dessen Name unklar überliefert ist. Zudem wurden grössere Truppenmengen an der Suippes erwähnt, marschierend Richtung Norden. Diese Beobachtungen passten zu einer Lage, in der nach dem Ende der grossen Kampfhandlungen in Nordfrankreich Truppenbewegungen und Umgruppierungen sichtbar blieben, Strassen und Knotenpunkte für Märsche genutzt wurden und Flugplätze weiterhin in Betrieb standen.

Nach dem Aufenthalt in Porrentruy erfolgte die Verlegung ins Landesinnere. Am 20. Juli 1940 um 12.30 Uhr wurden Brook-Fox und Goschen zusammen mit einem Detachement von Franzosen und Polen nach Utzenstorf transportiert. Während der Reise kam es in Solothurn zu einem Zwischenfall. Die beiden britischen Offiziere erklärten, sie wollten nach Bern und nicht mit dem Detachement weiterreisen. Sie betrachteten sich nicht als Internierte. Der begleitende Offizier wies darauf hin, dass bei Verlassen des Verbandes eine polizeiliche Suche ausgelöst werden müsse.

In Solothurn entfernten sich beide kurzfristig. Zur Sammelzeit fehlten sie, und auch zur vorgesehenen Abfahrtszeit waren sie nicht anwesend. Der Bahnhofsvorstand liess den Zug kurz warten. Wenige Minuten später erschienen beide wieder. Der Begleiter rügte ihr Verhalten. Im weiteren Verlauf wurden Unkorrektheiten im Benehmen im Zug festgehalten, die bei den mitreisenden polnischen Offizieren Missfallen auslösten und durch ironische Bemerkungen kommentiert wurden. Insgesamt zeigt dieser Ablauf den Versuch, nach der langen Flucht und nach der raschen Statusklärung Handlungsspielräume zu gewinnen, während die Schweizer Seite den Vorgang als Teil einer verbindlichen Internierung und Verlegung behandelte.