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Fluchtgeschichten - Joseph Russell Fishbourne

© by Patrick Schlenker 2026

Joseph Russell Fishbourne (geb. 18. November 1909) war britischer Berufsoffizier, zuletzt mit dem Rang eines (Honorary) Brigadier. Ein zentrales Zeugnis zu seinem Werdegang ist ein 1999 aufgezeichnetes Interview (Imperial War Museums), ergänzt durch amtliche Einträge in der London Gazette und zeitgenössische Berichte aus dem Umfeld britischer Entkommener in der Schweiz.

Wer war Fishborne

Fishbourne verbrachte Teile seiner frühen Lebenszeit in Britisch-Indien und in Grossbritannien. 1929 erscheint er in der London Gazette im Zusammenhang mit den Northumberland Fusiliers. In der Zwischenkriegszeit diente er beim 5th Battalion, Northumberland Fusiliers, mit Stationen in Grossbritannien sowie Einsätzen in Jamaika und Ägypten (1929–1936). Anschliessend wechselte er zu den 3rd Carabiniers (Prince of Wales’s Dragoon Guards). In den späten 1930er-Jahren war er als Offizier dieses Regiments in Indien eingesetzt; im Raum Sialkot nahm das Regiment Aufklärungsaufgaben wahr. Zudem besuchte er einen Staff-College-Lehrgang in Quetta.

1941 wurde Fishbourne als Stabsoffizier zur 3rd Indian Motor Brigade versetzt und nahm am Nordafrika-Feldzug teil. In diesem Zusammenhang wurden Ausbildungs- und Einsatzprobleme sowie Offizierspatrouillen über grosse Distanzen erwähnt. Die Brigade erhielt den Auftrag, bei Mechili in Libyen Stellung zu halten. Im weiteren Verlauf geriet Fishbourne im April 1941 bei Tobruk in Gefangenschaft.

Gefangenschaft

Die Kriegsgefangenschaft begann in Derna (Libyen) und führte nach einer Seeverlegung nach Italien. Dort war Fishbourne in den Lagern Campo PG 41 (Montalbo/Ziano Piacentino) und Campo PG 35 (Certosa di Padula) interniert. PG 41 wurde als Offizierslager geführt wurde und in der Zeit 1941/42 bis 1943 betrieben. 

Das PG 35 Camp wurde im April 1942 in der Certosa di San Lorenzo bei Padula eingerichtet, einem säkularisierten Kloster von hohem künstlerischem und historischem Wert. Es galt als das wichtigste britische Offizierslager in Kampanien. Die Gefangenen wohnten in ehemaligen Mönchszellen und konnten den Kreuzgang nutzen. Das Klima war zwar mild, aber fehlende Heizung und typische Mängel vieler italienischer Lager prägten den Alltag: zu wenige Latrinen, knappes Essen und Licht, marode Gebäude, veraltete Ausstattung sowie Mangel an Material und teils auch an Rotkreuz-Paketen. Gleichzeitig bot Padula gewisse Spielräume. Ooffene Flächen für Sport, Spaziergänge ausserhalb des Lagers und organisierte Kurse (Sprachen, Steno, sogar juristische Vorträge). Ein britischer Offizier schilderte eine recht feste Tagesroutine mit Appell, Unterricht, einfachem Essen und abends Ergänzungen aus Paketen – und betonte, dass es "insgesamt nicht so schlimm“ gewesen sei, solange die Versorgung halbwegs lief."

PG 35 - Padula (Padula, Salerno, Campania) - © Patrick Schlenker 2026_1

Aussenmauer des Lagers Nr. 35 (Certosa di Padula) - Illustration © Patrick Schlenker 2026

Besonders belastend waren laut britischen Berichten die Wachmannschaften und harte Strafen nach Fluchtversuchen. Der Sicherheitschef, Hauptmann Francesco Gatti, wurde dabei als gewalttätig beschrieben. Misshandlungen nach Rückführungen (Schläge, Entkleiden, Handschellen in Sonne/Regen/Schnee) tauchen vor allem in britischen Quellen auf. Fluchtversuche waren häufig und gut organisiert (Escape Committee). Bekannt wurden u. a. der Ausbruch von 14 Mann in der Nacht 12./13. September 1942 (alle später gefasst), ein Versuch am 10. Februar 1943 in selbstgenähten Carabinieri-Uniformen, ein entdeckter Tunnel sowie das Verstecken während der Evakuation im August 1943. Am 28. Juli 1943 wurde das Lager geräumt und die Gefangenen nach PG 19 Bologna–Due Madonne verlegt. Nach dem Krieg prüften britische Ermittler das Verhalten der Lagerleitung: Santoro und Gori standen wegen Misshandlung und Vernachlässigung im Fokus. Gori erhielt später wegen Gewalt bei der Evakuation zwei Monate Haft. Gatti wurde wegen eines Übergriffs beim Transport im Mai 1946 zu sechs Monaten verurteilt.

Flucht

Im September 1943 änderte sich die Lage in Italien grundlegend. Gefangene wurden aus den Lagern abtransportiert. Fishbourne gelang in dieser Phase die Flucht aus einem Transportzug in der Nähe von Verona. In der Folge musste er und sein Begleiter, B. Paine der Royal Navy in Norditalien untertauchen und ausweichen. Ihr Ziel war die Schweizer Alpen zu überqueren. 

Wann Fishbourne und B. Paine in die Schweiz einreisten ist nicht bekannt. Bekannt ist, dass Fishbourne eine zeitlang in Wil (bei Zürich) interniert war. Dort ist er und weitere Offiziere und Mannschaften in Gruppen in umliegenden Ortschaften einquartiert worden. Wörtlich wird festgehalten, dass Brigadier Miles als Senior British Officer fungierte und dass „Fishbourne, B. Paine (RN) und ein weiterer“ in Wil bereits eingerichtet gewesen seien. 

Der gleiche Bericht zeigt, wie die Einquartierung praktisch organisiert wurde: Gruppenverlegungen in Orte wie Lichtensteig, Unterbringung von Offizieren in Hotels (beispielhaft wird das „Krone Hotel“ genannt), Zuteilung von Billets für grössere Mannschaftsgruppen sowie eine anfangs verhängte Quarantäne mit entsprechenden Bewegungsbeschränkungen. Auch die laufende interne Organisation (Routine Orders, Zensurvorgaben, Postfragen, Disziplinarangelegenheiten) wird als Arbeitsalltag der britischen Stellen vor Ort geschildert.

Fishbourne übernahm kurz nach seiner Internierung im Laufe des Jahres 1943 in der Schweiz Aufgaben zur Betreuung und Unterstützung von Kriegsgefangenen. Diese Tätigkeit beendet er  1944, um wieder in den aktiven Dienst zurückzukehren. Wahrscheinlich wurde er im Rahmen eines Austausches mit Wehmhactsnagehörigen nach England entlassen. 

Rückkehr nach England

1945 diente Fishbourne erneut bei den 3rd Carabiniers in Burma (Rückkehr zum Regiment bei Magwe, anschliessend Rückkehr nach Indien). 1950 bis 1952 folgte eine Verwendung bei der Control Commission for Germany in Berlin. 1953 war er als Stabsoffizier bei der 1st Commonwealth Division in Südkorea eingesetzt; thematisch wird dabei insbesondere der Zustand zurückkehrender Kriegsgefangener aus Nordkoreanischer Hand genannt.

In der Nachkriegszeit blieb Fishbourne in verantwortlichen Funktionen und stieg weiter auf. 1953 wird er Lieutenant-Colonel und schloss in dieser Phase eine Kommandoverwendung ab. 1958 trug er den Rang eines Brigadier (temporary),und wurde zum Commander of the Order of the British Empire (CBE) ernannt. 1962 wurde Fishbourne Colonel (Honorary Brigadier) und übernahm als Deputy Lieutenant eine repräsentative Aufgabe im County of Essex. Am 18. November 1967 schied er als Colonel (Honorary Brigadier) aus der Regular Army Reserve of Officers aus, weil er die Altersgrenze für eine Rückberufung erreicht hatte.