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Fluchtgeschichten - John Muir

© by Patrick Schlenker 2026

Nach Jahren der Gefangenschaft und mehreren Fluchtversuchen gelang es John Muir im Spätherbst 1943, die Grenze zur neutralen Schweiz zu überschreiten. Für Muir bedeutete dieser Grenzübertritt den Übergang von jahrelanger Unsicherheit hin zu einem Zustand relativer Sicherheit. Die Schweiz bemühte sich, ihre Neutralität durch Kontrolle ihres Territoriums und durch humanitäre Aufnahme von Geflüchteten und Kriegsgefangenen aufrechtzuerhalten.

Wer war John Muir?

John Muir wurde am 17. Februar 1912 in Newcastle upon Tyne im Nordosten Englands geboren. Er wuchs in einer Arbeiterfamilie auf und trat mit 18 Jahren der britischen Armee bei. Muir war ein zielstrebiger und fähiger junger Mann, der es schnell verstand, sich in der militärischen Struktur zurechtzufinden. Schon früh zeigte er eine ausgeprägte Führungskompetenz und konnte sich in den ersten Jahren seiner Militärzeit auf seine körperliche Fitness und seinen Willen zur Überwindung von Herausforderungen verlassen.

Seinen Dienst leistete Muir im Durham Light Infantry Regiment, das zu den renommierten Infanterieeinheiten der britischen Armee gehörte. Das Regiment war bekannt für seine tapferen Soldaten, die in vielen Schlachten des Ersten und später auch Zweiten Weltkriegs kämpften. Für Muir war der Dienst in diesem Regiment mehr als nur eine berufliche Wahl. Er wurde zu einer Möglichkeit, sich zu beweisen und in den turbulenten Jahren des Zweiten Weltkriegs eine entscheidende Rolle zu spielen.

Muirs militärische Laufbahn nahm einen entscheidenden Wendepunkt, als er 1939, kurz nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, erneut eingezogen wurde. Zu dieser Zeit war die britische Armee dringend auf erfahrene und ausgebildete Soldaten angewiesen, und Muir meldete sich freiwillig, um seinem Land zu dienen. Die Soldaten des Durham Light Infantry wurden nach Nordafrika geschickt, um dort im Rahmen der 7. Panzerdivision unter dem Kommando von Generalmajor Sir Percy Hobart an den Kämpfen gegen die Achsenmächte teilzunehmen.

Der Einsatz in Nordafrika

Schlachten - Bild © Patrick Schlenker 2026_1

Muirs erstes bedeutendes militärisches Engagement fand in den rauen und heißen Wüstenlandschaften Nordafrikas statt. Als Teil der britischen Streitkräfte kämpfte das Durham Light Infantry Regiment an der Seite der australischen und neuseeländischen Truppen gegen die Italiener und später gegen die Deutschen. Die Kämpfe in Libyen, Ägypten und insbesondere die Belagerung von Tobruk (1941), wo Muir weitere schwere Kämpfe erlebte, stellten die Belastbarkeit und das Durchhaltevermögen der Soldaten auf eine harte Probe.

Der britische Afrikafeldzug war geprägt von extremen Bedingungen, heißen Wüstentemperaturen, wenig Wasser und konstanten Bedrohungen durch feindliche Angriffe. In der Belagerung von Tobruk, einem strategisch wichtigen Hafen in Libyen, wurde das Durham Light Infantry Regiment stark beansprucht. Muir war Zeuge brutaler Kämpfe und erlebte, wie die britischen Truppen versuchten, den Hafen gegen die deutsche Luftwaffe und die italienischen Truppen zu verteidigen. Muir und seine Kameraden hielten in den Schützengräben aus, kämpften sich durch Bombardierungen und unterhielten eine unermüdliche Verteidigung. Diese Einsätze prägten Muirs militärische Laufbahn und stärkten sein Selbstverständnis als Soldat und Anführer.

Die Kämpfe in Nordafrika waren nicht nur physisch belastend, sondern auch psychologisch anstrengend. Tägliche Angriffe, ständige Gefahr und das Fehlen jeglicher Erholung machten den Krieg zu einer unaufhörlichen Belastung. Dennoch zeigte Muir in dieser Zeit ein hohes Maß an Mut und Standhaftigkeit, was ihm Anerkennung bei seinen Vorgesetzten und Kameraden einbrachte. In dieser schwierigen Zeit erhielt er eine Beförderung zum Second Lieutenant.

Verwundung und Gefangenschaft

Im Mai 1941 nahm Muir an der Operation „Brevity“ teil, einem britischen Vorstoss gegen Stellungen an der ägyptisch-libyschen Grenze, der unter anderem auf Fort Capuzzo zielte. Während des Gefechts wurde er am Nachmittag verwundet; beim deutschen Gegenangriff am frühen Abend geriet er in Gefangenschaft.

Nach einer Erstversorgung wurde Muir in ein italienisches Militärhospital nach Benghazi gebracht. Von dort ging es über eine Zwischenstation im Raum Tarhuna südlich von Tripolis weiter Richtung Italien. Die anschliessende Gefangenschaft führte ihn durch mehrere italienische Lager und Einrichtungen. Dazu gehörten:

  • PG 17 Rezzanello bei Piacenza (Transitlager der Italiener)
  • PG 78 Sulmona, wo er an einem Tunnel-Fluchtversuch beteiligt war
  • PG 35 Padula, wo weitere Fluchtversuche unternommen wurden
  • PG 5 Gavi, ein als „italienisches Colditz“ bekanntes Hochsicherheitslager in der Festung von Gavi nordwestlich von Genua, in dem „ungehorsame“ Offiziere zusammengehalten wurden

Die Zeit als Kriegsgefangener in Italien war geprägt von Mangel, Ungewissheit und dem ständigen Wechsel zwischen Hoffnung und Rückschlag. Fluchtpläne waren für viele Offiziere mehr als Abenteuerlust: Sie waren eine Form, Kontrolle über das eigene Schicksal zurückzugewinnen. In Sulmona wurde ein Tunnelprojekt entdeckt, noch bevor es zur Umsetzung kommen konnte. In Gavi war die Lage besonders angespannt, weil die Festung nicht nur Gefängnis, sondern zugleich Signal war: Hier sollten Ausbruchsversuche brechen.

Die Flucht aus Italien

Die entscheidende Gelegenheit ergab sich nach dem italienischen Waffenstillstand im September 1943. In vielen Lagern brach die bisherige Ordnung zusammen, gleichzeitig begannen deutsche Stellen mit der systematischen Rückführung und dem Abtransport alliierter Kriegsgefangener nach Norden. Auch Gavi wurde rasch von deutschen Kräften übernommen. Es kam zu Versuchen, sich innerhalb der Festung zu verbergen, doch die Kontrolle wurde wiederhergestellt, und bald darauf folgte der Abtransport per Bahn.

Muir gelang die Flucht nicht durch einen langen Marsch vom Süden Italiens her, sondern während dieses Transports. Zusammen mit Hugh Baker, einem Angehörigen der Royal Air Force aus Rhodesien, befand er sich in einem hölzernen Eisenbahnwagen. Während der Fahrt schufen sie eine Öffnung und sprangen bei einer Gelegenheit nach einem Halt in Verona aus dem Zug, in der Gegend östlich des Gardasees. Beim Absprung verletzte sich Baker am Fuss bzw. am Knöchel so, dass er vorerst kaum gehen konnte.

In den folgenden Tagen waren sie gezwungen, sich zu verstecken und zugleich Hilfe zu finden. Sie hielten sich in der Gegend um Avio nahe der Etsch auf, zeitweise auch in einer Höhle oberhalb des Ortes, bis Baker wieder marschfähig war. Danach setzten sie den Weg nach Norden fort. Der Marsch führte durch Dörfer, über Nebenwege und mit ständiger Vorsicht vor deutschen Patrouillen. Ihr Ziel war die Schweiz. Über die Region des Veltlins arbeiteten sie sich in Richtung Tirano vor. Der Grenzübertritt gelang am 12. Oktober 1943. 

John Muirs Zeit in der Schweiz

Unmittelbar nach der Einreise griff das Schweizer Aufnahme- und Kontrollsystem. Ankommende wurden von Schweizer Soldaten übernommen, in der Grenzregion gesammelt und danach ins Landesinnere weitergeleitet. In Muirs Fall führten die ersten Stationen über Campocologno im Puschlav, dann per Bahn über den Berninapass nach Samedan im Oberengadin. Von dort ging es weiter in ein britisches Sammel- und Prüfzentrum nach Wil, wo die Registrierung abgeschlossen und die weiteren Schritte der Internierung geregelt wurden. Dazu gehörte auch die Verpflichtung, die Schweiz nicht ohne Bewilligung zu verlassen.

Im weiteren Verlauf wurden Muir und Baker getrennt. Baker kam zu den RAF-Offizieren nach Arosa. Muir wurde in Schomengrund im Kanton Appenzell einquartiert, gemeinsam mit einer grösseren Gruppe britischer Soldaten. Diese Form der Unterbringung stand für den typischen Schweizer Weg: nicht die Lagerrealität der italienischen Gefangenschaft, aber auch keine freie Lebensführung. Bewegung, Kontakte und Alltag blieben geregelt, und die internierte Person stand unter Aufsicht.

Ankunft in der Schweiz und Registrierung als Kriegsgefangener

Die Registrierung als Kriegsgefangener war der erste bürokratische Schritt, den Muir und andere Kriegsgefangene durchlaufen mussten. Für Muir bedeutete diese Registrierung vor allem, dass er seine Militäridentifikation abgeben musste und nun unter die Kategorie der „internierten Ausländer“ fiel. Er war zwar nun in einem sicheren Land, aber dennoch gefangen in einem bürokratischen System, das ihm keine absolute Freiheit gewährte.

Das Leben im Internierungslager

Die Schweizer Internierungslager unterschieden sich deutlich von den Gefangenenlagern, die Muir in Italien erlebt hatte. Zwar waren die Bedingungen noch immer restriktiv, doch die Schweizer Behörden bemühten sich, die Gefangenen menschlich zu behandeln. Die Unterkünfte waren einfacher, aber sauber und funktional. Im Vergleich zu den überfüllten, unhygienischen Lagern in Italien war dies ein gewisser Fortschritt.

Die Gefangenen waren in der Regel in Gruppen organisiert, die nach Nationalität oder Militärangehörigkeit sortiert wurden. Muir fand sich in einer Gruppe von britischen Kriegsgefangenen wieder, mit denen er oft Gespräche führte und sich austauschte. In den ersten Wochen war Muir damit beschäftigt, sich von den Strapazen der Flucht und der langen Jahre in Kriegsgefangenschaft zu erholen. Die Schweizer gaben ihm Gelegenheit, sich körperlich und geistig zu regenerieren, und es gab regelmäßige medizinische Untersuchungen, um sicherzustellen, dass die Gefangenen gesund waren.

Arbeit und Integration in die Schweizer Gesellschaft

Muir wurde in einem landwirtschaftlichen Betrieb im Tessin eingesetzt, wo er in den Hügeln der Region arbeitete. Seine Aufgaben umfassten den Anbau von Gemüse, die Pflege von Feldern und die Versorgung von Tieren. Die körperliche Arbeit half ihm, sich von den Strapazen der Gefangenschaft und der langen Flucht zu erholen und brachte ihm eine gewisse Struktur im Alltag.

Muir erinnerte sich: „Die Arbeit auf dem Feld war hart, aber sie gab mir eine Struktur. Es war das erste Mal seit Jahren, dass ich wieder das Gefühl hatte, etwas Nützliches zu tun, und nicht nur über das Überleben nachzudenken. Es half mir, mich wieder mit der Welt außerhalb der Kriegsgefangenschaft zu verbinden.“

Die Arbeit auf dem Bauernhof ermöglichte es Muir, mit den einheimischen Schweizern in Kontakt zu treten. Obwohl der Kontakt zu den Einheimischen durch die politischen Gegebenheiten und die Neutralität der Schweiz kontrolliert wurde, beschrieb Muir, dass er mit den Bauern und Handwerkern sprach. Diese Interaktionen gaben ihm die Gelegenheit, mehr über das Leben in der Schweiz und die Haltung des Landes zum Krieg zu erfahren. Muir erlebte die Schweiz als ein Land, das zwar neutral war, aber dennoch von den Auswirkungen des Krieges beeinflusst wurde. Die Sprache spielte für ihn dabei eine wichtige Rolle in seiner Anpassung an das Leben in der Schweiz. Er lernte einige Brocken der Landessprache, was ihm half, besser mit den Schweizer Behörden und der Bevölkerung zu kommunizieren. Diese sprachlichen Fortschritte ermöglichten ihm auch, die Gespräche mit den Schweizern zu vertiefen und das Gefühl der Entfremdung zu überwinden, das viele Kriegsgefangene in einem fremden Land empfanden.

Doch trotz der Relativität der Sicherheit, die die Schweiz bot, blieb eine ständige Unsicherheit über die Zukunft. Muir und viele andere Kriegsgefangene wussten nie genau, wie lange sie in der Schweiz bleiben würden. Die ruhigen, monotonen Tage in den Tessiner Hügeln gaben ihm die Möglichkeit, sich von den physischen und psychischen Belastungen der Kriegsjahre zu erholen.

Muir erlebte die Schweiz als einen Ort, an dem er sowohl Ruhe als auch Ungewissheit fand. Die Zeit in der Schweiz war für ihn eine Phase der Erholung, aber auch der ständigen Auseinandersetzung mit der Zukunft. Die einfache, aber anstrengende Arbeit auf dem Bauernhof und die begrenzten sozialen Interaktionen halfen ihm, sich zu erholen und die Jahre der Gefangenschaft hinter sich zu lassen. Dennoch blieb der Krieg präsent – in den Gedanken an die Familie und die Unsicherheit, was die Zukunft bringen würde.

Heimkehr

Muir verblieb bis ans Kriegsende in der Schweiz und kehrte danach nach England zurück.