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Fluchtgeschichten - 2nd Lieutenant Airey Neave & 2nd Lieutenant Anthony Luteyn

© by Patrick Schlenker 2026

Airey Neave

Er wurde am 23. Januar 1916 in London geboren und wuchs zunächst in Knightsbridge auf, bevor die Familie nach Beaconsfield zog. Seine Schulzeit führte ihn nach St Ronan’s (Worthing und ab 1929 nach Eton. Danach studierte er in Oxford am Merton College Jura. Schon vor dem Krieg hatte er eine militärische Laufbahn eingeschlagen. In Eton diente er im Kadettenkorps und am 11. Dezember 1935 wurde es zum Second Lieutenant bei den Oxfordshire and Buckinghamshire Light Infantry befördert. 1938 wechselte er mit dieser Funktion zu den Royal Engineers. Nach Kriegsbeginn wurde er mobilisiert und im Februar 1940 nach Frankreich geschickt, dort beim 1st Searchlight Regiment der Royal Artillery.

Seine Gefangennahme erfolgte im Zuge der Kämpfe um Calais. Neave wurde am 23. Mai 1940 verwundet und von deutschen Truppen gefangen genommen. Danach kam er zunächst nach Oflag IX-A/H bei Spangenberg. Im Februar 1941 wurde er weiter nach Stalag XX-A bei Thorn im deutsch besetzten Westpolen verlegt. Während dieser Zeit wurde er am 1. August 1940 formell zur Royal Artillery übertragen.

Im April 1941 versuchte Neave zusammen mit Norman Forbes aus Thorn zu entkommen. Die beiden wurden nahe Ilow wieder gefasst, als sie Richtung sowjetisch kontrolliertes Gebiet gelangen wollten und sie gerieten kurzzeitig in Gestapo-Haft. Im Mai 1941 brachte man sie nach Oflag IV-C, dem Offizierslager im Schloss Colditz, das damals bewusst als Sonderlager für „schwierige“ Fälle geführt wurde.

 

Tony Luteyn

Abraham Pierre Tony Luteyn stammte aus einem ganz anderen Teil der damaligen niederländischen Welt. Er wurde am 10. Februar 1917 in Batavia (Niederländisch-Indien, heute Jakarta) geboren. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs in den Niederlanden war er Kadett der KNIL - Koninklijk Nederlands Indisch Leger, die koloniale Armee an der Koninklijke Militaire Academie.

Nach der niederländischen Kapitulation verlangten die deutschen Stellen von Offizieren und Kadetten ein „Ehrenwort“, sich während des Krieges nicht gegen deutsche Interessen zu stellen. Luteyn verweigerte dieses Ehrenwort. Er tat das zusammen mit einer Gruppe anderer Offiziere und Kadetten, unter ihnen besonders viele KNIL-Angehörige, die argumentierten, sie dürften ein solches Ehrenwort nach ihren Vorschriften nicht geben und sähen es als Pflicht, weiter im Kampf zu bleiben, solange Niederländisch-Indien noch nicht besetzt war. Die Abschlusskadetten wurden unmittelbar vor der Abführung noch rasch zu Offizieren ernannt. Luteyn wurde dabei als Second Lieutenant der Pioniere engineers der KNIL geführt.

Seine „Gefangennahme“ war damit weniger ein einzelner Frontmoment als die direkte Folge dieser Verweigerung. Am 16. Juli 1940 kam er in sein erstes Lager, Oflag VI A bei Soest. Im November 1940 wurde seine Gruppe nach Juliusburg Oflag VIII C verlegt. Nach den ersten erfolgreichen niederländischen Fluchten und weil die Deutschen die Holländer als besonders ausbruchsfreudig einstuften, wurden die niederländischen Offiziere im Juli 1941 nach Colditz verlegt.

In Colditz trafen sich dann die beiden. Neave brachte die Erfahrung aus französischem Feldzug, Verwundung, Lagerwechseln und einem gescheiterten Ausbruchsversuch mit. Luteyn brachte etwas mit, das für die Fluchtplanung entscheidend werden sollte. Sehr gutes Deutsch und den Ruf, sich nicht einschüchtern zu lassen. Als die Briten Ende 1941 eine Flucht als „deutsche Offiziere“ vorbereiteten, suchten sie genau deshalb die Zusammenarbeit mit den Niederländern. Aus diesem Zusammenspiel entstand die Paarung Neave–Luteyn, die am 5. Januar 1942 schliesslich die Flucht aus Colditz ausführte.

Flucht 

In Colditz, im Winter 1941/42, liefen die Vorbereitungen nicht als spontaner Einfall, sondern als sorgfältig geprobte Abfolge von Handgriffen. Neave und Luteyn gehörten zu jenen Männern, bei denen die Lagerleitung längst davon ausging, dass sie es wieder versuchen würden.

Neave hatte schon vorher erlebt, wie schnell so etwas kippen konnte. Bei einem früheren Versuch gab er sich als deutscher Korporal aus. Als er dabei nicht in die Wachstube ging, sondern links in Richtung der deutschen Kommandantur abbog, wurde ein Wachmann misstrauisch. Er überprüfte, welche Medaille der Korporal trug und welche Nummer darauf stand – es war die Nummer 26. Dann musterte er ihn erneut. Im Scheinwerferlicht wirkte der Stoff der Uniform hellgrün statt feldgrau. Man hatte Bühnenfarbe aufgetragen, aber das reichte nicht. Die alarmierten Wachen griffen sofort zu und nahmen ihn fest. Der vermeintliche Korporal war in Wahrheit Oberleutnant Airey Neave. Kurzzeitig stand sogar die Todesstrafe im Raum – weniger, weil er sich als deutscher Soldat ausgegeben hatte, sondern weil die Wehrmacht die schlampige Darstellung der Uniform als Beleidigung wertete. Am Ende bekam Neave einen Monat Einzelhaft. Gerade deshalb wurde Colditz als Sonderlager geführt. Wer als „hartnäckig“ galt, landete irgendwann dort. Die beiden passten in dieses Muster, und sie fanden in den Wochen vor der Flucht ein Netz von Mitwissern und Helfern, das so funktionierte, wie solche Fluchten fast immer funktionierten. Einer plante, ein anderer beschaffte Material, ein dritter beobachtete Wachen und Abläufe, und am Ende trug eine kleine Gruppe das Risiko, während viele andere die Voraussetzungen geschaffen hatten.

Schloss Colditz - Kolorierung Patrick Schlenker 2026_1

Oflag IV-C im Schloss Colditz 1942 - Digitale Kolorierung (teilweise KI gestützt): Patrick Schlenker, 2026

Am Abend des 5. Januar 1942 nutzten Neave und Luteyn den Umstand, dass der Theaterbereich des Schlosses eine Art Zwischenwelt war. Nicht ganz Wachraum, nicht ganz Gefangenenblock, dazu voller Requisiten, Bretter, Vorhänge und Winkel. Über eine vorbereitete Öffnung gelangten sie von dort in einen Bereich, der näher an die deutschen Funktionsräume heranführte. Entscheidend war die Verkleidung. Sie trugen nicht einfach irgendetwas „Ziviles“, sondern eine Kombination, die im Schlossbetrieb plausibel wirkte: Mäntel, Mützen, Haltung. Der Trick war weniger das Kostüm als das Auftreten. Wer zögert, fällt auf. Wer zu forsch ist, fällt auch auf. Sie mussten genau den Ton treffen, der in einem Wachbereich normal wirkte. Zielstrebig, knapp, so, als hätten sie dort etwas zu tun.

Der gefährlichste Teil begann dort, wo man nicht mehr „schleicht“, sondern an Menschen vorbeigehen muss. In den Gängen und an den Posten gab es Augen, und es gab Routine. Sie bewegten sich so, als wäre es selbstverständlich, dass sie dort unterwegs waren. An einem Punkt blieb ein Wachposten stehen und starrte sie an. Wenn der Soldat nach Papieren fragte, war es vorbei. Wenn er Alarm schlug, ebenfalls.

Hier griff Luteyn zu einem Mittel, das auf dem Papier lächerlich klingt, in der Realität aber genau auf die Mechanik militärischer Reflexe zielte. Er fuhr den Soldaten auf Deutsch an, warum er nicht salutierte. Der Mann salutierte tatsächlich. Nicht, weil er überzeugt war, sondern weil das Gehirn in der Sekunde auf „Dienstablauf“ schaltete. Für Neave und Luteyn war das der Durchschlupf. Sie gingen weiter, ohne zu rennen, ohne sich umzudrehen, und damit war der wichtigste Schritt getan. Sie waren aus dem inneren Griff des Schlosses heraus.

Wichtige war nun. Um keinen Fall auffallen, nicht stehen bleiben, nicht glauben, dass es nach dem ersten Erfolg leichter würde. Sie mussten aus den Sachsen heraus, quer durch ein Deutschland im Krieg, mit Kontrollen, Bahnhöfen, Kontrollen und einem Blick für alles, was nicht auffällig war. Ihre Legende passten sie an, wie es unterwegs nötig wurde. Wenn man sie für Ausländer hielt, gaben sie sich als Niederländer aus. Wenn man sie für Arbeiter hielt, liessen sie das gelten.

Sie nutzten die Bahn, wo es ging und gingen zu Fuss, wo es nicht anders ging. In Ulm versuchten sie, Richtung Bodensee weiterzukommen.Lange Märsche, Kälte, kaum Schlaf. Sie schlugen sich bis Laupheim durch, organisierten Fahrkarten, fuhren bis Stockach und arbeiteten sich dann an Singen heran, immer mit dem Ziel, in die Schweiz zu gelangen.

In der Gegend um Singen wurde es wieder enger. Menschen auf dem Land bemerkten Fremde oft schneller als Polizisten in der Stadt. Als man ihnen misstraute und Hilfe holen wollte, blieb nur das Verstecken. Sie fanden Schutz in einer einfachen Waldhütte. Dort warteten sie, während draussen Schnee fiel und Spuren verwischte. Die Hütte war ein schmutziger, kalter Kasten, aber sie bot ihnen ein Dach und Zeit. 

Als sie weiterzogen kamen an weisse Mäntel, wie sie damals etwa Imker oder Arbeiter trugen, und sie trugen Werkzeuge, unter anderem Spaten. Auf dieser Etappe begegneten sie auch Jugendlichen der Hitlerjugend, die ausdrücklich nach entflohenen Gefangenen suchten. Es war eine jener Situationen, in denen eine Flucht nicht an Stacheldraht scheitert, sondern an einem Satz. Luteyn blieb bei der Rolle, sprach, erklärte, lenkte ab. Die Jungen zogen weiter. Neave hielt später fest, dass sie beide in diesem Moment schon an Gewalt gedacht hatten, weil ihnen klar war, wie knapp es war. Es blieb bei dem Gedanken.

Grenzübertritt in die Schweiz

In der Nacht näherten sie sich der Schweizerr Grenze. Sie mussten warten, weil Posten unterwegs waren. Sie lagen im Schnee, bewegten sich kaum, und sie warteten auf den Moment, in dem der Blickwinkel des Wächters ungünstig war. Dann gingen sie los. Der Grenzübertritt selbst war nicht spektakulär. Schnee, Kälte, schwerer Atem, nasse Schuhe. Kurz vor Tagesanbruch am 9. Januar 1942 erreichten sie Ramsen im Kanton Schaffhausen.

Der erste Schweizer, dem sie sich zu erkennen gaben, war ein Grenzwächter. Von da an änderte sich alles in Minuten. Wo vorher jedes Wort gefährlich gewesen war, wurde es plötzlich Alltag. Fragen nach Namen, Herkunft, Lager, Weg. Es gab Wärme, Getränke, einen Platz, um zur Ruhe zu kommen. Noch am selben Tag brachte man sie nach Schaffhausen, wo die Flucht offiziell aufgenommen wurde. Sie waren nicht mehr zwei Männer auf einem vereisten Weg, die jede Minute entdeckt werden konnten. Sie waren wieder Offiziere, die einen Grenzposten erreicht hatten.

In Schaffhausen brachte sie in ein Hotel, liess sie waschen und rasieren, gab ihnen zu essen und liess sie zur Ruhe kommen. Danach begann die Pflicht. Es folgten Befragungen, zuerst durch die Polizei, dann auch durch militärische Stellen. Es ging um Namen, Dienstgrad, Lager, Fluchtweg, Helfer, und um die einfache Frage, ob sie tatsächlich aus deutscher Kriegsgefangenschaft kamen. Neave und Luteyn erzählten ihren Weg, wie man ihn erzählen musste, sachlich genug für ein Protokoll, aber mit genügend Details, damit man ihn prüfen konnte. Für beide war das eine merkwürdige Lage. Sie waren gerettet, aber sie standen unter Aufsicht, weil die Schweiz neutral blieb und jeden solchen Fall sauber regeln musste.

Noch in den ersten Tagen wurde klar, was diese Neutralität praktisch bedeutete. Sie durften nicht einfach weiterreisen, und sie durften auch nicht als freie Männer durchs Land ziehen, obwohl man sie korrekt und meist freundlich behandelte. Man wies ihnen Aufenthaltsorte zu und legte fest, wo sie sich melden mussten. Für Offiziere lief das weniger hart als für Mannschaften, aber es blieb eine Form von kontrolliertem Aufenthalt.

Neave fand sich in einem Alltag wieder, der fast unwirklich wirkte, weil er nach Monaten und Jahren der Lagerordnung plötzlich wieder Bettwäsche, Speisekarten und Gespräche hatte, bei denen man nicht flüstern musste. Gleichzeitig wusste er, dass jeder Schritt von Bewilligungen abhing.

Neave nutzte die Zeit, so gut es ging, und kehrte zu dem zurück, was vor dem Krieg sein Leben geprägt hatte. Er beschäftigte sich wieder mit Jura, hörte Vorlesungen, sprach mit Leuten, schrieb, und gewöhnte sich an die seltsame Mischung aus Freiheit und Grenze. Im April 1942 verliess er die Schweiz wieder. Der Weg zurück nach Grossbritannien führte nicht direkt, sondern über Umwege, wie es damals oft der Fall war, über Frankreich und Spanien bis nach Gibraltar. Als er wieder in England war, wurde seine Flucht zu mehr als einer persönlichen Geschichte. Er arbeitete für MI9, in jener kleinen Stelle, die unter anderem unter dem Namen Room 900 lief und die Flucht und Rückkehrwege für Soldaten und abgeschossene Besatzungen in besetztem Europa unterstützte.

Für Luteyn verlief die Zeit in der Schweiz kürzer und zielgerichteter. Er wurde nach Genf gewiesen und blieb dort unter Auflagen, bis sich eine Möglichkeit zur Weiterreise ergab. Er wollte nicht in der Schweiz bleiben, sein Ziel war, wieder zu niederländischen Kräften zu gelangen. Er verliess die Schweiz und sein Weg führte ihn schliesslich weiter in den niederländischen Machtbereich ausserhalb Europas, zuerst nach Übersee und danach Richtung Australien, um wieder Dienst zu tun. Die Flucht aus Colditz blieb trotzdem der entscheidende Einschnitt. Sie war der Beweis, dass sein Nein zum Ehrenwort nicht nur ein Prinzip gewesen war, sondern eine Haltung, die er bis zum Ende durchgezogen hatte.

Nachkriegszeit

Nach dem Krieg blieb Neave nicht beim Militär, sondern kehrte als Jurist in den zivilen Beruf zurück. Weil er gut Deutsch sprach, wurde er 1945 auch in die Vorbereitungen der Nürnberger Prozesse einbezogen und vernahm dort nach eigenen Angaben einzelne NS Spitzenleute. Später veröffentlichte er dazu einen persönlichen Bericht. 

Politisch machte er ab den 1950er Jahren Karriere. 1953 wurde er konservativer Abgeordneter für Abingdon und blieb es bis zu seinem Tod. In der selben Zeit schrieb er auch das Buch "They Have Their Exits" über seine Zeit im Krieg und in Colditz. In den folgenden Jahrzehnten arbeitete er sich langsam nach vorn, über Regierungsämter in den 1950er Jahren und später über die Oppositionsarbeit. In den 1970er Jahren gehörte er zu den zentralen Organisatoren, die den Sturz von Edward Heath betrieben und Margaret Thatcher an die Parteispitze brachten. Danach übernahm er in ihrem Schattenkabinett das Dossier Nordirland, zu einer Zeit, in der dieses Amt nicht nur politisch, sondern auch persönlich gefährlich war. 

Am 30. März 1979 endete Neaves Leben gewaltsam. Eine Bombe unter seinem Auto detonierte beim Verlassen des Parkhauses am Palace of Westminster. Er starb kurz darauf im Krankenhaus. Die INLA reklamierte den Anschlag für sich. Neave wurde später in Hinton Waldrist beigesetzt. 

Luteyn überlebte ebenfalls den Krieg und kehrte nach Holland zurück. Am 9. Februar 2003 am Tag vor seinem 86 Geburtstag verstarb er in Den Haag.