Internierte in der Schweiz
© by Patrick Schlenker 2026
Als die Schweiz ab 1940 zunehmend vom Krieg umgeben war, standen immer wieder fremde Soldaten auf Schweizer Boden. Ganz unvorbereitet traf dies die Schweiz am 19. auf den 20. Juni 1940, als das 45. französische Armeekorps unter General Marius Daille und mit ihm die 2. polnische Schützendivision in der Grenzregion am Doubs und Clos du Doubs keinen Ausweg mehr sahen und in die Schweiz flohen, statt sich den Deutschen zu übergeben.
Im Gebiet zwischen Les Verrières, Vallorbe und Sainte-Croix traten je nach Quelle zwischen ca. 40'000 bis 45'000 Soldaten mit Material, Fahrzeugen und Pferden über die Grenze. Das Ereignis traf die Schweiz mehr als nur unvorbereitet. Es gab 1940 noch keine ausgereifte Lagerstruktur für zehntausende Soldaten.
Man improvisierte zuerst mit Sammelstellen nahe der Grenze und mit der Verteilung in vorhandene Gebäude, und genau diese Belastung war ein wichtiger Auslöser, warum der Bund im Juni 1940 das Eidgenössische Kommissariat für Internierung und Hospitalisierung (EKIH) schuf, um Unterbringung, Bewachung, Arbeitseinsätze, Gesundheit und Verwaltung zu koordinieren.
Anders als 1940 Franzosen und Polen traten britische Internierte nie als geschlossener Truppenteil ein, sondern meist in kleineren Gruppen und über andere Wege. Viele gelangten durch Notlandungen und Absprünge aus ihren beschädigten oder defekten Flugzeugen auf Schweizer Hoheitsgebiet. Andere flohen aus Gefangenenlagern und suchten Zuflucht in der neutralen Schweiz, wie es nach dem Zusammenbruch Italiens 1943 vielmals geschah: Lagerverhältnisse gerieten durcheinander, Bewachung fiel aus oder löste sich auf, und sehr viele Gefangene sahen plötzlich eine Chance zur Flucht.
Gerade für britische Angehörige, die in Italien in Gefangenschaft gewesen waren, erklärt das den starken Zustrom ab Herbst 1943, wie er in den Bestandszahlen sichtbar wird. Typisch war dabei nicht „eine grosse Gruppe“, sondern eher ein Muster: einzelne oder kleine Gruppen, oft nach langen Märschen, teils mit Hilfe von Zivilpersonen auf dem Weg, dann der Grenzübertritt, Entwaffnung, Registrierung und die Weiterleitung ins Schweizer System.
Schwankende Zahlen an Internierte
Über die ganze Kriegszeit gerechnet internierte die Schweiz rund 104'000 Militärangehörige verschiedener Nationalitäten. Das Historische Lexikon der Schweiz nennt als Gesamtwert rund 5'800 Briten für 1939 bis 1945. Gleichzeitig muss man wissen, dass der effektive Bestand je nach Jahr sehr stark variierte. Bei den Briten fällt besonders auf, dass die Zahlen lange niedrig bleiben und dann ab Herbst 1943 sprunghaft ansteigen. Das passt zum Kontext der Fluchten aus italienischen Lagern und der allgemeinen Lageveränderung im Mittelmeerraum.
Internierungszahlen der britischen Streitkräfte vom 31. August 1943 bis 1. Mai 1945 in der Schweiz
Datum Anzahl internierten Engländer
31.08.1943 78
30.09.1943 32
31.10.1943 1416 *
31.12.1943 2758
31.01.1944 2718
15.04.1944 2945
01.05.1944 2814
01.06.1944 3014
01.07.1944 3068
01.08.1944 3558
01.09.1944 3350
01.10.1944 2643
01.11.1944 155 **
01.12.1944 136
01.01.1945 78
01.02.1945 77
01.04.1945 17
01.05.1944 11
* Zustrom Kriegsgefangene aus Italien
** im Austausch mit Deutschen Soldaten
In der Schweiz waren über die Kriegsjahre 1939 bis 1945 insgesamt rund 104'000 Militärangehörige interniert. Soweit die Nationalitäten bekannt und in den Standardangaben ausgewiesen sind, entfielen davon etwa 34'500 auf Franzosen, 24'400 auf Italiener, 17'100 auf Polen, 7'200 auf Deutsche und Österreicher, 5'800 auf Briten, 2'100 auf Jugoslawen, 1'600 auf Amerikaner sowie 8'400 auf Sowjetbürger, daneben gab es noch kleinere Gruppen weiterer Nationalitäten, die in dieser Aufschlüsselung nicht separat ausgewiesen sind.
Rechtliche Grundlage und Pflicht zur Neutralität
Die Internierung war kein freiwilliges Entgegenkommen, sondern hing an Neutralitätspflichten. Nach den damals massgeblichen Regeln des Neutralitätsrechts, insbesondere der Haager Konvention V von 1907, war die Schweiz verpflichtet, auf ihrem Gebiet aufgenommene Truppen kriegführender Staaten zu internieren und damit zu verhindern, dass diese Militärangehörigen wieder in den Krieg eingreifen konnten.
Praktisch bedeutete das Entwaffnung, Registrierung und eine kontrollierte Unterbringung, und zwar so lange, bis eine Rückführung möglich war oder der Krieg endete. Dazu gehörte auch, dass Internierte (mit Ausnahme von Offizieren) zu Arbeitseinsätzen herangezogen werden konnten. Für britische Flüchtlinge aus Gefangenschaft kommt noch hinzu, dass es neben der eigentlichen Internierung je nach Fall auch Formen der Ortszuweisung und Überwachung gab, je nachdem, wie die Behörden die Person rechtlich einordneten und wie nahe man einen Rückweg in den Krieg befürchtete.
Der „Orange Befehl“ und die Kontaktregeln
Ein wenig beachteter Punkt im Bezug auf die Internierung in der Schweiz waren die Regeln zum Kontakt mit der Zivilbevölkerung. Das EKIH erliess 1941 den sogenannten „Orange Befehl“ (benannt nach dem Papier), der Beziehungen zwischen Internierten und Zivilbevölkerung stark einschränkte. Die Idee dahinter war nicht Romantikfeindlichkeit, sondern Kontrolle: Flucht sollte erschwert werden, und gleichzeitig wollte man politische und soziale Spannungen vermeiden.
Das bedeutete im Alltag: klare Vorgaben zu Ausgang, Besuch, Treffpunkten, Übernachtungen, Geld und Geschenken, und bei Verstössen drohten Disziplinarstrafen bis hin zur Versetzung in strengere Lagerformen. Gerade bei Fliegern war das Thema präsent, weil die Schweizer Behörden besonders verhindern wollten, dass jemand nach kurzer Zeit wieder „zurück in den Einsatz“ gelangt.
Prozess
Die Schweiz arbeitete mit einem Prozess, der den Ablauf von der Registrierung über medizinische Kontrolle bis zur Zuteilung regelte. Das System lässt sich gut über vier Lagertypen verstehen: Selektionslager zur Erfassung, Quarantänelager zur medizinischen Überprüfung, Auffanglager für unklare Fälle und schliesslich Endlager, oft auch Arbeitslager genannt. Das waren keine reinen Etiketten. Sie entschieden darüber, wie streng ein Standort war, wie viel Bewegung möglich war und ob Arbeitseinsätze angeordnet werden konnten oder durften.
Für britische Internierte war dieser Ablauf oft besonders sichtbar, weil Flieger nach der Landung oder nach einem Absprung regelmässig zuerst verhört, registriert und medizinisch kontrolliert wurden, bevor sie an einen dauerhafteren Standort kamen. Bei geflohenen Kriegsgefangenen kamen zusätzliche Abklärungen dazu, weil man Herkunft, Fluchtweg und Status klären musste.
Kurort Modell für Fliegerbesatzungen
Britische und Amerikanische Flieger am Bahnhof Vevey 1944 , wahrscheinlich anlässlich einer Beerdigung anderer Flieger auf dem hiesigen Freidhof - Digitale Kolorierung (teilweise KI gestützt): Patrick Schlenker, 2026
RAF-Pilot Arthur Truscott steht in der Mitte, links neben ihm Ron Carr. In der zweiten Reihe stehen die beiden Amerikaner Leutnants Jack Keefer und Homer Ford sowie der grosse RAF-Pilot „Bish“ Smith und der schnurrbärtige Eric Hiley
Ein Teil der alliierten Flugbesatzungen, darunter auch Briten, landete nicht wie viele einfache Soldaten in Baracken, sondern in Hotelbetrieben. Heute mag das eher wie nach Ferienaufenthalt in den Alpen klingen, war aber eine pragmatische Schweizer Lösung. Da die Tourismusorte in den Bergen wegen des ausbleibenden Tourismus einen grossen Leerstand an Betten hatten, wurden Flieger auf Kosten der jeweiligen Nationen dort einquartiert. Der Vorteil war, dass die Gegenden abgelegen und mit relativ wenig Soldaten zu bewachen waren. Zu diesen Orten zählten Davos, Adelboden und Wengen. Nicht für alle Briten bedeutete das automatisch, sie seien allesamt in Hotels gewesen. Das Kurort-Modell betrifft vor allem Flugbesatzungen. Britische Soldaten, die aus Italien geflohen waren, und andere Gruppen konnten sehr wohl in normalen Stamm-Lagern und Arbeitslagern landen.
Camp Maloney - Foto Sgt. Frank E. Hensley - Ball Turret Gunner der am 1.9.1944 in Dübendorf notgelandenete „Heavens Above“ - Digitale Kolorierung (teilweise KI gestützt): Patrick Schlenker, 2026
In Davos GR im Hotel Palace wurden viele Offiziere aus dem Kreis internierten Flugpersonals häufig untergebracht. Die Hotels in Adelboden BE, unter anderem das Bellevue Parkhotel, waren zentrale Unterbringungsorte für Mannschaftsgrade. Dort befand sich auch das von den Amerikanern benannte Camp Maloney im Hotel Nevada Palace. Der Name Maloney geht auf S/Sgt Joseph F. Maloney zurück, der als erster US-Flieger im Zusammenhang mit der Internierung in der Schweiz verstarb. Camp Maloney zeigt exemplarisch, wie Hotelstandorte funktionierten: militärisch geführt, aber in ziviler Infrastruktur, und mit einer starken „eigenen“ Lagerkultur, die sich auch in Spitznamen und Traditionen zeigte.
Die sechs Überlebenden der Lancaster ND.595 in Adelboden im Frühjahr 1944 - Von links nach rechts hinten: Pilot Officer Basil Medcalf (Navigator), Sergeant George Beevers (Flugingenieur), Flying Staff Eric Hiley (Funker)
Im Vordergrund: Sergeant Arthur Truscott (Bordschütze), Flying Sergeant Ronald Carr (Heckschütze) und Pilot Officer George „Bish“ Smith (Pilot) Foto Jim Wright - Digitale Kolorierung (teilweise KI gestützt): Patrick Schlenker, 2026
Weitere Hotels gab es auch in Graubünden. In Chur gab es zeitweise auch im Hotel Marsöl einquartierte Internierte, ebenso im Volkshaus, daneben im alten Stadtspital und in einem Absonderungshaus.
Das System war stark dezentral und reichte von improvisierten Unterkünften bis zu dauerhaft eingerichteten Lagerstandorten. So gab es in Zürich zahlreiche Internierungsorte für ausländische Armeeangehörige, unter anderem Polen sowie zeitweise Franzosen, namentlich nachweisbar, inklusive Funktionen wie Gymnasiallager Wetzikon, Spitallager Wiesendangen oder Hochschullager Winterthur. Für Briten ist der Punkt hier, dass sie als kleinere Gruppe oft nicht einen eigenen grossen Standort bildeten, sondern als Teil des Systems in bestehende Strukturen eingepasst wurden – mit unterschiedlichen Regeln je nach Kategorie und Zeitpunkt.
Schnappschüsse von Sgt. Frank E. Hensley aus Adelboden - Digitale Kolorierung (teilweise KI gestützt): Patrick Schlenker, 2026
In der Mitte T/Sgt Earl F. Kendall, Radio Operator der „Spirit of Winsome Winn II“, welche am 18.3.1944 bei Altenrhein notgelandet ist war
Schnappschüsse von Sgt. Frank E. Hensley aus Adelboden - Digitale Kolorierung (teilweise KI gestützt): Patrick Schlenker, 2026
Links nochmals T/Sgt Earl F. Kendall, Radio Operator der „Spirit of Winsome Winn II“ mit einem schweizer Soldaten, der seine Bomberausrütung trägt
Schnappschüsse von Sgt. Frank E. Hensley aus Adelboden - Ganz oben im Bild Copilot F/O Charles H. Hamilton der B-24 „Bombs Away“, welche am 12.7.1944 in Payerne notgelandet waren - Digitale Kolorierung (teilweise KI gestützt): Patrick Schlenker, 2026
Schnappschüsse von Sgt. Frank E. Hensley aus Adelboden - Digitale Kolorierung (teilweise KI gestützt): Patrick Schlenker, 2026
Ein anderes Beispiel ist Herisau AR. Das Heinrichsbad taucht als Internierungsort in den Unterlagen auf. Später wurde es auch in Zusammenhang mit einem Hochschullager für polnische Studenten genannt, das an die damalige Handelshochschule St. Gallen angebunden war. Solche Sonderformen zeigen, dass Internierung nicht nur ein militärischer Sicherungsakt war, sondern auch soziale und organisatorische Fragen auslöste, vom Gesundheitswesen bis zur Ausbildung. In den beiden letzten Kriegsjahren 1944 und 1945 gab es eine Reihe konkreter Orte, in denen Internierte untergebracht wurden, darunter Thun, Mürren, Finsterhennen, Gurnigel, Büren an der Aare, Langenthal, daneben im Kanton Zürich Wetzikon, Girenbad, Wald bei Hinwil, Adliswil und Nänikon sowie Schwarzsee und Bremgarten.
Vom ruhigen Lager bis zum harten Winter
Wie der Alltag aussah, hing stark von Lagerart und Zeitpunkt ab. Bei vielen Arbeits- und vor allem Straflagern wie Wauwilermoos waren es einfache Holzunterkünfte, die teils schlecht isoliert waren. Der harte Winter 1944 und 1945 wurde als besonders belastend beschrieben. Dazu kamen Arbeitseinsätze und die ständige Lagerdisziplin. Für britische Internierte kam je nach Gruppe noch hinzu, dass viele nach ihrer Flucht völlig körperlich erschöpft ankamen, oft nach langen Märschen und mit unsicherem Status. Flieger in Kurorten waren zwar besser untergebracht, aber trotzdem klar kontrolliert, weil man Flucht und Rückkehr in den Einsatz verhindern wollte. Bewachung, Meldepflichten, Regeln zu Ausgang und Kontakt, und bei Konflikten teils harte disziplinarische Verfahren gehörten dazu. Dass Fluchtversuche ein Thema waren, zeigt auch die Schweizer Praxis, Internierte bei schweren Regelverstössen in strengere Haftformen zu überstellen, zum Beispiel in Straflager wie jenes in Wauwilermoos.
Einfache Holzbaraken im Straflager Wauwilerhof im Winter 1944 / 45 - Digitale Kolorierung (teilweise KI gestützt): Patrick Schlenker, 2026
Ein Punkt, der im Alltag ebenfalls eine grosse Rolle spielte, war Post. Für viele Internierte war der Kontakt nach Hause über Briefe und Karten zentral. Gleichzeitig lief Post nicht „einfach so“, sondern über geregelte Kanäle, teils mit Kontrolle, und mit festen Vorschriften, was erlaubt war und was nicht. Gerade bei längerer Internierung war das ein wichtiges Stück Normalität, aber eben innerhalb klarer Grenzen.
Flucht, Rückführung und das Ende der Internierung
Gegen Ende des Krieges kam es immer mehr vor, dass einzelne Internierte einfach verschwanden. In einigen Fällen wurde das von den Behörden faktisch toleriert, wenn klar war, dass die Personen die Schweiz rasch Richtung befreite Gebiete verliessen und die Neutralität nicht mehr praktisch gefährdet war.
Die geregelte Rückführung nach Kriegsende, Austauschaktionen (je nach Lage und Kategorie der Personen) und in einzelnen Fällen die stille Abreise Richtung Frankreich oder Italien, sobald das praktisch möglich war ist ein letztes Kapitel. Was in den Zahlen wie ein „plötzlicher Absturz“ aussieht, ist deshalb nicht immer ein einzelnes Ereignis, sondern oft eine Mischung aus Rückführungen, Transfers, Entlassungen aus dem Internierungsstatus und einzelnen Abgängen, die man nicht mehr konsequent stoppte.
Quellen
– Historisches Lexikon der Schweiz
– Schweizerisches Nationalmuseum
– Bundesarchiv Bern
– Stadtarchiv Chur
– SRF (Der Archivar)
